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Sensibles Lesen – Sensitivity Reading

Was Sensitivity Reading wirklich ist – und was nicht

Stellen Sie sich vor, Sie haben drei Jahre an einem Roman geschrieben.

Sie haben recherchiert, verworfen, von vorn begonnen. Und irgendwo in diesem Buch gibt es eine Figur, die Ihnen nicht ähnelt – ein Mensch mit einer Lebenserfahrung, die Sie selbst nie gemacht haben.

Vielleicht ist diese Figur blind. Vielleicht ist sie geflüchtet. Vielleicht lebt sie mit einer Erkrankung, von der Sie nur aus Büchern wissen.

Und dann stellt sich genau die Frage, um die es in diesem Video gehen soll:

Woher wissen Sie, dass, ob, Sie diese Figur richtig erzählt haben?

Ich möchte Ihnen zeigen,
* woher die Praxis kommt,

  • wie sie konkret abläuft,
  • was für sie spricht, wo ihre echten Grenzen liegen, und
  • warum so viel von dem Streit auf einem Missverständnis beruht.

Stellen Sie sich vor, Sie haben drei Jahre an einem Roman geschrieben.

Sie haben recherchiert, verworfen, von vorn begonnen. Und irgendwo in diesem Buch gibt es eine Figur, die Ihnen nicht ähnelt – ein Mensch mit einer Lebenserfahrung, die Sie selbst nie gemacht haben.

Vielleicht ist diese Figur blind. Vielleicht ist sie geflüchtet. Vielleicht lebt sie mit einer Erkrankung, von der Sie nur aus Büchern wissen.

Und dann stellt sich genau die Frage, um die es in diesem Video gehen soll:

Woher wissen Sie, dass, ob, Sie diese Figur richtig erzählt haben?

Ich möchte Ihnen zeigen,
* woher die Praxis kommt,

  • wie es konkret abläuft,
  • was für sie spricht, wo ihre echten Grenzen liegen, und
  • warum so viel von dem Streit auf einem Missverständnis beruht.

Warum ein Sensitivity Reading?

In Filmen und Büchern fehlt es oft ganz, oder zumindest teilweise, an einer Darstellung marginalisierter Charaktere.

Die Gründe liegen vor allem in einer Unkenntnis der Lebenswelten durch die Schreibenden oder auch in der Angst vor Diversität.

Diversität in der Literatur, ist neu und ungewohnt.

Werden marginalisierte Gruppen dann doch dargestellt, so ist ihre Darstellung oft verzerrt:

Der behinderte als Superheld, der alles erreicht;

oder

die Biografie ist nicht hinlänglich bekannt.

Häufig ist auch die Sprache nicht diversitätsgerecht.

Der Grund ist das Fehlen sogenannter „Own Voices“ im Literaturbetrieb.

Sensitivity Reading – Was ist das?


Schreiben heißt fast immer, über etwas zu schreiben, das man nicht ist.
Ein Mensch erfindet andere Menschen – das ist die Grundbewegung jeder Erzählung.
Niemand verlangt von einer Krimiautorin, dass sie selbst gemordet hat, damit ihr Mörder glaubwürdig wird. Aber je weiter eine Figur von der eigenen Erfahrung entfernt ist, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass wir auf etwas zurückgreifen, das wir nie überprüft haben: auf Bilder, die uns aus Filmen, aus alten Büchern, aus dem gesellschaftlichen Hintergrundrauschen zugeflogen sind. Auf Klischees, die sich so vertraut anfühlen, dass wir sie für Wirklichkeit halten.

Natürlich können Schreibende, selbst, wenn sie nicht betroffen sind, marginalisierte Charaktere im Roman oder Drehbuch verwenden.

Doch ein Roman wird glaubwürdiger, wenn die Lebenswelten und Gefühle von marginalisierten Personen in Worte gefasst werden.

Um die Darstellung marginalisierter Charaktere wertschätzend zu gestalten, ist es empfehlenswert, ein Sensitivity Reading zu machen,

denn auch Angehörige marginalisierter Gruppen kennen nicht alle Schmerzpunkte ihrer Marginalisierung.

Dafür braucht es einen Überblick, der über eine einzelne Biographie hinausgeht.

Sensitivity Reading, Deutsch manchmal

„sensibles Lesen“ genannt, ist der Versuch, an genau dieser Stelle eine zusätzliche Lesart einzuziehen.

Eine Lesart von Betroffenen, die das, worüber geschrieben wird, aus eigener Erfahrung kennen.

Sensibilitäts Lesende; die sich über die eigene biographische Betroffenheit hinaus mit der Geschichte und den verschiedenen Ausprägungen einzelner Marginalisierungen auskennen, geben wertvollen Input zu Inhalt und Sprache.

Sprache ist von gesellschaftspolitischen Strömungen geprägt.

Sensitivity Reader informieren sich stets über die neusten Entwicklungen und haben ein wachsames Ohr.

Schreiben heißt fast immer, über etwas zu schreiben, das man nicht ist.
Ein Mensch erfindet andere Menschen – das ist die Grundbewegung jeder Erzählung.
Niemand verlangt von einer Krimiautorin, dass sie selbst gemordet hat, damit ihr Mörder glaubwürdig wird. Aber je weiter eine Figur von der eigenen Erfahrung entfernt ist, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass wir auf etwas zurückgreifen, das wir nie überprüft haben: auf Bilder, die uns aus Filmen, aus alten Büchern, aus dem gesellschaftlichen Hintergrundrauschen zugeflogen sind. Auf Klischees, die sich so vertraut anfühlen, dass wir sie für Wirklichkeit halten.

Natürlich können Schreibende, selbst, wenn sie nicht betroffen sind, marginalisierte Charaktere im Roman oder Drehbuch verwenden.

Doch ein Roman wird glaubwürdiger, wenn die Lebenswelten und Gefühle von marginalisierten Personen in Worte gefasst werden.

Um die Darstellung marginalisierter Charaktere wertschätzend zu gestalten, ist es empfehlenswert, ein Sensitivity Reading zu machen,

denn auch Angehörige marginalisierter Gruppen kennen nicht alle Schmerzpunkte ihrer Marginalisierung.

Dafür braucht es einen Überblick, der über eine einzelne Biographie hinausgeht.

Sensitivity Reading, Deutsch manchmal

„sensibles Lesen“ genannt, ist der Versuch, an genau dieser Stelle eine zusätzliche Lesart einzuziehen.

Eine Lesart von Betroffenen, die das, worüber geschrieben wird, aus eigener Erfahrung kennen.

Sensibilitäts Lesende; die sich über die eigene biographische Betroffenheit hinaus mit der Geschichte und den verschiedenen Ausprägungen einzelner Marginalisierungen auskennen, geben wertvollen Input zu Inhalt und Sprache.

Sprache ist von gesellschaftspolitischen Strömungen geprägt.

Sensitivity Reader informieren sich stets über die neusten Entwicklungen und haben ein wachsames Ohr.

Wie entstand das Sensitivity Reading?

Der Begriff stammt aus dem englischsprachigen Verlagswesen, vor allem aus der Kinder- und Jugendliteratur.

Dort entstand Mitte der 2010er-Jahre eine breite Bewegung unter dem Schlagwort „We Need Diverse Books“ – wir brauchen vielfältige Bücher.

Den Anstoß gab eine ernüchternde Beobachtung:

In einem Land, das längst nicht mehr überwiegend weiß ist, erzählten Kinderbücher fast ausschließlich von weißen Kindern.
Und wenn andere Kinder überhaupt vorkamen, dann oft als Nebenfigur, als Problemfall oder als Klischee.

Zählungen aus jenen Jahren zeigten ein groteskes Missverhältnis:
Es erschienen mehr Bilderbücher mit Tieren als Hauptfiguren als mit Kindern, die nicht weiß waren.

Aus dieser Bewegung heraus entstand die Idee, Manuskripte gezielt von Menschen gegenlesen zu lassen, die die dargestellten Erfahrungen teilen.

Damit Autorinnen und Verlage solche Lesenden überhaupt finden konnten, wurden ab etwa 2016 erste Datenbanken aufgebaut, in denen sich Sensitivity Reader nach Themenschwerpunkten suchen ließen.

Was als kleine
Graswurzel-Initiative engagierter Schreibender begann, wurde innerhalb weniger Jahre zu einem festen Bestandteil des Betriebs vieler großer US-Verlage. 
Aus einer Bitte unter Kolleginnen wurde ein bezahlter Beruf.

Was müssen Sensibilitätslesende (Sensitivity Reader) mitbringen?

Zunächst einmal müssen Sensitivity  Reader sich mit der Geschichte und den Aspekten der eigenen Marginalisierung, die über die eigene Biografie hinausgehen, auskennen und damit auseinandergesetzt haben. Letzteres gilt vor allem für die schmerzlichen Aspekte der eigenen Marginalisierung.

Auch müssen sie sich für gesellschaftliche und politische Entwicklungen interessieren.

Eine Liebe für Bücher und Texte ist von Vorteil.

Hilfreich wäre auch die Ausbildung zum Lektor, da diese von Auftraggebern häufig erfragt wird.

Wie läuft das sensible Lesen als Lektorat ab?

Als Sensitivity Readerin lese ich den Text.

Anschließend erhalten Sie ein konkretes Feedback mit Kommentaren und einem ausführlichen Gutachten.

Keine Angst:

Ich greife nicht in Ihren Text ein, ich gebe nur Anregungen.

Sie selbst haben es in der Hand, ob Sie meine Anregung aufgreifen oder nicht.

Schon in der Sprache der Rückmeldung steckt der ganze Kern der Sache.
Ich sage Ihnen nicht:
„Du bist rassistisch.“
Ich sag:
„Diese Stelle reproduziert ein Stereotyp, und zwar auf diese Weise, mit dieser Wirkung.“

Sie sehen, das eine ist ein moralisches Urteil über einen Menschen. Das andere ist eine handwerkliche Beobachtung über einen Text.

Diese Unterscheidung zu halten, über den Text zu sprechen, nicht über den Charakter der Schreibenden, ist die Grundvoraussetzung dafür, dass das Sensitivity Reading überhaupt funktioniert.

Warum ist das Sensitivity Reading so umstritten, was ist das größte Missverständnis?

Kaum ein Begriff aus dem Literaturbetrieb hat in den letzten Jahren so heftige Reaktionen ausgelöst:

Für die einen ist es ein selbstverständliches Stück Handwerk, für die anderen nichts weniger als der Anfang vom Ende der freien Literatur.

Vor allem in den Literaturwissenschaften wird argumentiert, dass ein Sensitivity Reading die Freiheit der Schreibenden, was ja ein Grundrecht sei, einschränke.
Schreibende würden durch ein Sensitivity Reading ganz erheblich in ihren Grundrechten, vor allem im Recht auf Freie Meinungsäußerung, beschnitten.

Schreiben muss weh tun.
Ein Sensitivity Reading stellt ein Verbot dar, jemandem Schmerz zuzufügen, aber gerade darum geht es doch in der Literatur.

Leider lehnen auch sehr viele Schreibende selbst das Sensitivity Reading ab.
Sie sind der Ansicht, sie bräuchten keine zweite Meinung.
Häufig rechtfertigen sie sich damit, dass sie mit Betroffenen kurze Interviews fürhen.
Das reicht aus.

Sensitivity Reading verbietet nichts. Es kann gar nichts verbieten. Es ist eine bezahlte Meinung, kein Gesetz, keine Behörde, keine Prüfstelle mit Stempel. Eine Autorin, die jeden einzelnen Hinweis in den Wind schlägt, hat dafür kein Gesetz gebrochen und braucht niemandes Erlaubnis. Wer von „Zensur“ spricht, verwechselt eine Empfehlung mit einem Befehl.

Zweitens: Es schreibt nicht vor, dass jede Figur sympathisch, vorbildlich oder makellos sein muss. Im Gegenteil – Bösewichte, Widersprüche, abstoßende Menschen sind das Lebenselixier jeder Erzählung. Es geht nie darum, eine Figur „besser“ oder „braver“ zu machen, sondern darum, sie nicht auf ein Klischee zu reduzieren. Eine durch und durch fiese Figur mit Behinderung ist überhaupt kein Problem. Zum Problem wird es erst, wenn die Behinderung selbst als Erklärung für die Fiesheit herhalten muss – wenn also der Bösewicht böse ist, weil er verkrüppelt ist. Den Unterschied zu sehen, ist die ganze Kunst.

Und drittens: Es ist kein Misstrauensvotum gegen die Fantasie. Niemand, der bei Verstand ist, behauptet, man dürfe nur noch über sich selbst schreiben. Das Gegenteil ist gemeint. Gerade weil wir über Menschen schreiben sollen und wollen, die wir nicht sind, brauchen wir manchmal jemanden, der uns sagt, ob wir sie getroffen haben. Sensitivity Reading ist kein Zaun um die Fantasie. Es ist ein Geländer an einer Stelle, an der man besonders leicht abstürzt.

Wo liegen die Grenzen des sensiblen Lesens?

Das Sensitivity Reading ist ein Lektorat – nicht mehr und nicht weniger. Das heißt Sensitivity Reader müssen, und können, und dürfen nur mit dem Text / Material arbeiten, das ihnen vorgelegt wird. Wir verbessern die Szenen, in denen Randgruppen auftauchen, indem wir sie authentisch machen, aber Ihren Roman grundsätzlich besser schreiben, können wir nicht.

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Disability Pride Month

Behindert, stolz und sichtbar

Warum die Welt diesen Monat braucht

Im Juli wird weltweit der  Disability Pride Month begangen – ein Monat, der Menschen mit Behinderungen feiert, ihre Identität stärkt und auf bestehende Missstände aufmerksam macht.

Doch während der Pride Month der LGBTQIA+-Community längst im öffentlichen Bewusstsein angekommen ist, führt der Disability Pride Month insbesondere in Deutschland noch ein Schattendasein.

Dabei betrifft das Thema Millionen von Menschen: Weltweit leben rund 1,3 Milliarden Menschen mit einer Behinderung – das sind 15 Prozent der Weltbevölkerung.

In Deutschland hat jeder vierte Erwachsene eine Behinderung.

Es wird Zeit, dass wir hin­schauen.

Disability Pride – auf Deutsch etwa „Behinderungsstolz“ – ist weit mehr als ein symbolischer Akt.

Es ist eine kulturelle und politische Bewegung, die auf Jahrzehnten des Aktivismus und der Widerstandskraft aufbaut.

Im Kern geht es darum, Behinderung als natürlichen und wertvollen Teil menschlicher Vielfalt zu begreifen – nicht als Defizit, Makel oder Tragödie.

Der Disability Pride Month feiert die Identität, die Kultur und die Beiträge von Menschen mit Behinderungen zur Gesellschaft.

Die Bewegung verfolgt dabei mehrere zentrale Ziele: Sie will die Art und Weise verändern, wie die Gesellschaft über Behinderung denkt und sie definiert.

Sie kämpft gegen die Stigmatisierung von Behinderung und für die Überzeugung, dass Behinderung ein selbstverständlicher Bestandteil menschlicher Diversität ist.

Sie fordert Selbstbestimmung, Barrierefreiheit und echte Inklusion – nicht nur auf dem Papier, sondern im täglichen Leben.

Und sie gibt Menschen mit Behinderungen einen Raum, um zusammenzukommen und stolz auf sich zu sein, so wie sie sind.

Ein wichtiges Symbol der Bewegung ist die Disability Pride Flagge, die 2019 von Ann Magill, einer US-Amerikanerin mit Zerebralparese, entworfen und 2021 in Zusammenarbeit mit der Community überarbeitet wurde.

Die Disability-Pride-Flagge – Ein kraftvolles Symbol

Die ursprüngliche Version enthielt Zickzack-Linien.

Die neue, barrierefreie, Version enthält gerade Linien.

Da die Zickzack-Version bei Menschen mit Epilepsie oder Migräne Schwindel auslösen konnte, hat die Designerin Ann Magill sie 2021 angepasst.

Die Symbolik der Disability Pride Flagge

Die Flagge hat einen tiefschwarzen Hintergrund.

Er steht nicht nur für die Trauer um die Menschen, die aufgrund von Ableismus, Gewalt oder Vernachlässigung ihr Leben verloren haben, sondern er repräsentiert auch die Rebellion und den Widerstand der Community gegen die Unterdrückung.

Quer über diesen schwarzen Grund verlaufen fünf diagonale Streifen in verschiedenen Farben.

Diese Streifen verlaufen von links oben nach rechts unten – ein Symbol dafür, dass wir Barrieren „durchbrechen“.

Jede Farbe hat eine ganz spezifische Bedeutung für eine Gruppe innerhalb unserer Gemeinschaft:

  1. Die rote Linie: Steht für körperliche Behinderungen.
    Es repräsentiert die Stärke und den Kampfgeist von Menschen mit Mobilitätseinschränkungen.
  • Gold (Gelb): Steht für neurodivergente Menschen und Menschen mit kognitiven oder Lernbehinderungen.
  • Die weiße Linie: Repräsentiert unsichtbare Behinderungen und solche, die bisher noch nicht diagnostiziert wurden.
  • Blau: Steht für psychische Erkrankungen und emotionale Einschränkungen.
  • Grün: Steht für Sinnesbehinderungen, also für Blinde, Sehbehinderte, Gehörlose und Schwerhörige.

Geschichte des Disability Pride Month

Die Wurzeln des Disability Pride Month liegen in einem der kraftvollsten Momente der US-amerikanischen Behindertenrechtsbewegung. Im Juli 1990 machten sich zahlreiche Aktivistinnen und Aktivisten auf den Weg zum Kapitol in Washington D.C. Trotz ihrer körperlichen Einschränkungen erklommen sie die Stufen des Gebäudes – auf Knien, im Rollstuhl, mit Armkraft und Krücken. Diese als „Capitol Crawl“ bekannt gewordene Aktion erregte enormes Aufsehen und übte entscheidenden Druck auf Präsident George H. W. Bush aus, der am 26. Juli 1990 den Americans with Disabilities Act (ADA) unterzeichnete – ein Bundesgesetz, das die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen in allen Lebensbereichen vorschreibt.

Noch im selben Jahr fand in Boston der erste Disability Pride Day statt.

2004 organisierte Chicago die erste Disability Pride Parade. Der entscheidende Durchbruch kam 2015: New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio erklärte den gesamten Juli zum offiziellen Disability Pride Month – anlässlich des 25. Jahrestags des ADA.

Seitdem finden in Städten weltweit Paraden, Demonstrationen und kulturelle Veranstaltungen statt.

Auch in Großbritannien, Neuseeland und Irland wird Disability Pride gefeiert, wenn auch oft „nur“ als Pride-Woche.

Disability Pride Month in Deutschland

Einen offiziellen Disability Pride Month gibt es in Deutschland bislang nicht. Doch die Geschichte der deutschen Behindertenbewegung ist lang, kraftvoll und politisch – und sie bildet das Fundament, auf dem auch hierzulande Disability Pride wachsen kann.

Bereits Ende der 1960er Jahre begannen sich in der Bundesrepublik die ersten Gruppen zu formieren. 1968 gründete sich der „Club 68“ in Hamburg – in einer Zeit, in der das Leben behinderter Menschen in allen Bereichen von Aussonderung und Fremdbestimmung geprägt war.

Die eigentliche Behindertenbewegung nahm

Anfang der 1970er Jahre ihren Lauf: In einem Volkshochschulkurs in Frankfurt am Main unter dem Titel „Bewältigung der Umwelt“, geleitet von Ernst Klee und dem Aktivisten Gusti Steiner, wurden bauliche Barrieren direkt konfrontiert.

1974 blockierte Steiner in einer aufsehenerregenden Aktion eine Frankfurter Straßenbahn, um auf die Unzugänglichkeit des öffentlichen Nahverkehrs aufmerksam zu machen.

Ende der 1970er Jahre entstand die radikale „Krüppelbewegung“, gegründet unter anderem von Franz Christoph und Horst Frehe. Der bewusst provokante Name war Programm: „Der Begriff Behinderung verschleiert für uns die wahren gesellschaftlichen Zustände, während der Name Krüppel die Distanz zwischen uns und den sogenannten Nichtbehinderten klarer aufzeigt“, so die Begründung der Aktivisten.

Nichtbehinderte Menschen waren von der Teilnahme ausgeschlossen. Die Bewegung veröffentlichte von 1979 bis 1984 die „Krüppel-Zeitung“ als politisches Sprachrohr.

1981 sorgte Franz Christoph bei der Eröffnung der Reha-Messe in Düsseldorf für einen Eklat, als er Bundespräsident Karl Carstens mit seiner Krücke ans Schienbein schlug – aus Protest gegen die gönnerhafte Haltung der Politik.

Ab Mitte der 1980er Jahre entstanden aus den Krüppelgruppen heraus die Selbstbestimmt-Leben-Initiativen, die in größeren Städten eigene Beratungszentren aufbauten.

Ein weiterer Wendepunkt war ein skandalöses Gerichtsurteil im Februar 1992: Das Frankfurter Landgericht gestand einer Urlauberin eine Reisepreisminderung zu, weil sie sich durch die Anwesenheit behinderter Menschen am Urlaubsort gestört fühlte. Die Empörung führte zu bundesweiten Protesten und einer stärkeren Vernetzung der verschiedenen Gruppen.

Die politischen Erfolge ließen auf sich warten, kamen aber:

1994 wurde erstmals ein Verbot der Benachteiligung wegen Behinderung ins Grundgesetz aufgenommen.

2001 folgte das Sozialgesetzbuch IX, 2002 das Behindertengleichstellungsgesetz, 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz und 2009 ratifizierte Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention.

2016 trat das Bundesteilhabegesetz in Kraft.

Doch die UN-Staatenprüfung von 2023 kritisierte deutlich: Deutschland setzt die Konvention bei weitem nicht ausreichend um.

In den letzten Jahren gewinnt der Disability Pride Month auch in Deutschland zunehmend an Bedeutung. Immer mehr Organisationen, Aktivistinnen und Aktivisten nutzen den Juli, um Sichtbarkeit zu schaffen – durch Social-Media-Kampagnen, Veranstaltungen und öffentliche Aktionen. Prominente Stimmen wie die des Aktivisten Raúl Krauthausen oder der Autorinnen Luisa L’Audace und Tanja Kollodzieyski prägen die Debatte. Doch ein fester, institutionell verankerter Disability Pride Month, wie ihn die USA kennen, existiert hierzulande noch nicht.

Weshalb braucht es den Disability Pride Month?

Der Disability Pride Month ist eine direkte Antwort auf Ableismus – die systematische Diskriminierung und Abwertung von Menschen mit Behinderungen. Ableismus durchzieht alle Bereiche des Lebens und äußert sich auf vielfältige Weise: strukturell durch fehlende Barrierefreiheit, mangelnde Inklusion im Bildungs- und Arbeitsmarkt, Unterrepräsentation in Politik und Medien; zwischenmenschlich durch bevormundendes Verhalten, abwertende Sprache und die Aberkennung von Selbstbestimmung; und verinnerlicht als Scham und Minderwertigkeitsgefühle bei Betroffenen selbst.

In Deutschland ist die Situation alarmierend: Nur rund 22,5 Prozent der Erwerbsfähigen mit Behinderung sind beschäftigt, gegenüber 65 Prozent bei nichtbehinderten Menschen. Menschen mit Behinderungen leben doppelt so häufig unterhalb der Armutsgrenze. Die Pandemie hat den systemischen Ableismus noch einmal brutal offengelegt – von Triage-Diskussionen bis hin zu Segregationsfantasien. Und auch im Jahr 2024 wurden Angriffe auf Einrichtungen der Behindertenhilfe verübt, darunter Steinwürfe mit der Aufschrift „Euthanasie ist die Lösung“.

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Ich bin blind und nichts Besonderes

Ich bin blind und nichts Besonderes

Der siebte Sinn

Nicht nur in Kunst und Literatur wird Blinden Menschen ein siebter Sinn oder etwas Übersinnliches oder Übernatürliches zugeschrieben. Immer wiederhöre ich Äußerungen wie: „Ihr Blinden habt doch den siebten Sinn.“ Oder: “Ihr habt doch eine ganz besondere Wahrnehmung.“

Doch woher kommt diese Annahme?

Im Gegensatz zu unserer Kultur, in der Blindheit häufig mit negativen Dingen oder Emotionen verbunden ist (vgl. der blinde Fleck, Betriebsblindheit, usw.), wird Blindheit in anderen Kulturen tatsächlich als positiv angesehen.

In Nepal zum Beispiel wird Blinden eine ganz besondere Weisheit zugeschrieben. Wer einem blinden Menschen begegnet ist von allen Geistern (gemeint sind hier vor allem Krankheiten) geheilt. Einem blinden Mann, wird vom Oberhaupt des Dorfes sofort dessen Platz in dessen Haus zugewiesen und alle Speisen werden aufgedeckt, die die Frauen des Hauses finden können. Selbst dann, wenn er selbst so arm ist, dass er kaum etwas zu Essen hat. Immer beginnt die Einladung mit einer tiefen und stummen Verneigung, die, nicht selten, bis zum Boden reicht.

Aber auch in unserer Kultur gibt es das Übersinnliche.

Woher kommt der Glaube an das Übersinnliche in unserer Kultur

Auch in unseren Breitengraden ist, wie obige Äußerungen zeigen, diese Annahme verbreitet. Sie kommt in Gestalt der Zuschreibung von Vorahnungen, heilenden Händen oder der Fähigkeit einer ganz besonderen Wahrnehmung daher.

Welche Folgen hat diese Annahme?

Früher nannte man den siebten Sinn „das „zweite Gesicht.“ Personen, die über diese Eigenschaft verfügten, wurden gemieden und ausgestoßen.

Blinde haben leider nur ein Gesicht, auch lediglich vier Sinne. Aber in einer Ghettoisierung, und trotz guter Aufklärung, mit oftmals wenig Ausbildung leben sie Heute häufig auch noch weitgehend.

Doch vielleicht Sonderling?

Besonderheiten und Sonderlinge heben sich von dem Allgemeinen, und damit von der Menschheit ab. Sie sind häufig immer noch eine abgetrennte, isolierte, Kategorie.

Immer noch werden blinde Kinder, aus den unterschiedlichsten Gründen, nur allzu oft, und dass trotz der Inklusion, einer  Sonderbehandlung, schon wieder das Wort, durch die Sonderpädagogik, zugewiesen.

Auserwählte Minderheit

So lange blinde Kinder, wie die Zauberschüler bei Harry Potter, in getrennten Einrichtungen unterrichtet und ausgebildet werden, bleiben sie immer eine Auserwählte Minderheit, und damit eine Besonderheit. Niemand sieht wie sie aufwachsen, welche täglichen Aufgaben sie bewältigen oder wie sie diese lösen.

Alle Menschen sind gleich

Was das Grundgesetz postuliert gilt auch in der Biologie / Physiologie. Von Geburt an sind blinde und sehende Kinder mit den gleichen Sinnen ausgestattet. Während blinde Kinder lernen, ihre verbliebenen Sinne zu nutzen, bzw. einzusetzen, verkümmern diese bei sehenden Menschen häufig, da sie lediglich den Sehsinn einsetzen. Das blinden Menschen häufig zugeschriebene überdurchschnittlich gute Gehör ist nichts Anderes als die Folge eines lebenslangen Lernprozesses und Gebrauchs des Hörsinns.

Von vielen Menschen wird uns also, völlig zu Unrecht, eine geheimnisvolle Aura zugeschrieben. Weil sie sich nicht vorstellen können, ohne den allumfassenden optischen Sinn, leben zu können. Umso erstaunlicher finden sie es, wenn wir es schaffen, einen PC zu bedienen, uns etwas zu Essen zuzubereiten, uns Dinge zu merken, Termine im Alltag zu managen oder diesen zu organisieren.

Mein ganz persönliches Geheimnis

Es gibt, und das ist nicht erstaunlich, eine Vielzahl von Dingen, die mich vor enorme Herausforderungen stellen, die ich gelegentlich auch nicht bewältigen kann.

So sind für mich, trotz fortgeschrittener Bemühungen, die digitale Welt für blinde Menschen, zugänglicher zu machen, viele Webseiten und Programme, und damit viele Informationen, nicht erreichbar. Eine grafische Benutzerfläche, die von meiner Hilfstechnologie, die auf einer befehlsorientierten Programmierung basiert, nicht ausgelesen werden kann.

Seine Tücken hat auch der Haushalt. Hier gilt Salopp gesagt: Der Schmutz, der mir unter die Finger kommt, den kann ich beseitigen, der, der sich anschleicht und nur sichtbar ist, muss von einer sehenden Person entfernt werden.

Ach ja, am Rande bemerkt: In meiner Wohnung herrscht ein kreatives Chaos.
Damit wäre auch das mir gegenüber häufig geäußerte Vorurteil, blinde Menschen wären so ordentlich, weil sie ja wegen ihrer Blindheit auf Ordnung angewiesen seien, damit sie alles finden, widerlegt.

Fazit: Ich bin und bleibe blind und leider nichts Besonderes.

Dass die Chancen, eine Netzhautablösung zu beheben in den nächsten Jahren steigen, halte ich , bei dem derzeitigen Stand der Medizin, für ausgeschlossen. Und an Übersinnliches oder Wunder, vielleicht das achte, glaube ich, selbst jetzt, wo ich das Ende dieses Blogartikels erreicht habe, immer noch nicht. Zugegeben: Zu beidem habe ich keinen Zugang. Außerdem verhindern sie einen ungetrübten Blick auf die eigene Person. Beide gaukeln vor, auserwählt, und damit ganz besonders, wie besonders auch immer, zu sein. Sowohl der siebte Sinn als auch das siebte Weltwunder implizieren einerseits, etwas Besseres und ganz besonders, zu sein.

Den siebten Sinn habe ich auch nicht, zur erinnerung, ich bin lediglich mit vier ausgestattet. Daneben habe ich zwei Beine, einen Rumpf, zwei Arme und einen Kopf.

Kurzum: ich bin ein Mensch. Ich bin also nichts Besonderes.